Was ist ein schönes Leben?

  “Ich will, dass wir ein schönes Leben haben.“ Das hat Johann gesagt. Zum ersten Mal, als wir 2010 gemeinsam die Firma verließen, um frei zu sein. Das zweite Mal, als wir zusammen die unsere gründeten, die eine schöne, leidenschaftliche Zeit brachte, aber auch sehr viel kostete. Zeit, Geld und unser Liebesleben mit dem Gedanken von für immer. Das dritte Mal sagte er es, als wir den Laden zumachten, um wieder uns selber zu gehören. Wer immer wir damals noch waren.

Aber was ist das – ein schönes Leben? Die Jahre danach waren es gewiss nicht. Allein das Rausfinden, was von einem noch übriggeblieben ist, wenn alles um Dich herum nicht nur zusammenfällt sondern verschwindet. Wie wenn jemand stirbt, der immer da war, die Definition seiner selbst. Für den einen bestimmt sich ein schönes Leben durch Statussymbole, für den anderen sind es Kinder, die Deine Spuren in der Welt hinterlassen. Ein geregeltes Einkommen kann es ausmachen, schöne Kleider, Freunde, die einem zuhören in der Not, treue Sauf-Kumpanen, ein sauberer Ruf, ein freistehendes Reihenendhaus am Meer, gelegentlicher Geschlechtsverkehr oder Erfolg im Beruf. Oder auch die Freiheit, seine Meinung sagen zu dürfen, gesunde Beine oder eine heiße Dusche. „Was ist ein schönes Leben?“ weiterlesen

Kuzhina autentike gjermane-shqiptare

Ein echt authentischer Menü-Abend von zwei Chef Alliance Köchen, sieben Gänge aus deren sehr unterschiedlicher Heimat – Albanien (Bledar Kola) und Deutschland (Luka Lübke)

Logbuch von Luka Lübke

Foto: Marta Urbanelis

Bremen, Freitag 23.50 Uhr

Ich packe in meinen Koffer zwei Kilo Wildschweinknipp (Lohmanns Wildspezialitäten), je eine Flasche Leindotter- und Kürbiskernöl (Wesermühle), ein schönes Stück Gekräuterten Kamm vom bunten Bentheimer Schwein (Kalieber), eine Tüte voll Matjes (Tetzke) und eine Flasche Heidekorn (Grebhans). Das beste aus meiner Heimat eben. Von Produzenten, die ich kenne. Noch weiß ich nicht, WAS für ein Abenteuer diese Reise werden wird. Nur, dass ich noch fünf Stunden schlafen kann, bevor das Taxi zum Flughafen kommt. Ich bin vom Auswärtigen Amt nach Albanien eingeladen, um dort als kulinarische Botschafterin im Rahmen des Kulturaustauschprogramms Tetori Gjerman (Deutscher Oktober) die Küche meines Landes zu repräsentieren.

Gekräuterter Kamm vom Bunten Bentheimer, gibt’s bei Kalieber

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SOUVENIR AUS ALBANIEN – Blaubeerpfannkuchen wie bei Großmutter

Ich komme zu Hause an und mache meinen Koffer auf. Viel brauchte ich nicht für die vier Tage. Nur einen Anzug, ein paar Messer und meine allerbeste weiße Kochuniform. Die befindet sich nun in einer heterogenen Mischung aus Mehl und eingemachten Blaubeeren. Zwei Riesentüten hausgemachter Geschenke habe ich zum Abschied vom Mullixhiu bekommen, dem Restaurant in Tirana, bei dem ich am Wochenende als kulinarischer Botschafter gekocht habe. Gemeinsam mit Bledar Kola, dem dortigen Küchenchef haben wir im Auftrag der Deutschen Botschaft ein 7-Gänge-Menü mit albanischen und deutschen Zutaten gekocht. Mullixhiu, das heißt Müller.

Blick in die Mühle, hier werden alte Getreidesorten täglich frisch gemahlen und verarbeitet

Aus der hauseigenen Getreidemühle habe ein paar Kilo des frischesten Mehls, das ich je gegessen habe, im Koffer, Gott sei Dank zum Teil noch in Papiertüten, schnell gepackt zwischen Brot, geräuchertem Ricotta, Wein und eingelegten Walnüssen. Im Balkan hat Zeitmanagement eine andere Bedeutung als bei uns – wir hatten es mal wieder eilig vor der Abreise. Trotzdem haben wir alles fantastisch und mit Freude abgeliefert, auf sieben Tellern sind seine und meine Heimat vereint, begleitet von ausgesuchten albanischen Weinen. Pünktlich sogar! Zum Abschluss gab es Heidekorn aus Bremen, aromatisiert mit den Aromen meiner Kindheit: Wacholder und Orangenschalen. So, wie meine Mutter immer noch ihre beste Marmelade abschmeckt. Und so sah unsere albanisch-deutsche Fusion als Menü aus: „SOUVENIR AUS ALBANIEN – Blaubeerpfannkuchen wie bei Großmutter“ weiterlesen

KRAUT – über den kleinen Rassismus gegen mich selbst

Wir Deutschen wurden jahrzehntelang gern nach einer elsässischen Spezialität benannt, so wie die Italiener nach einer von Marco Polo aus China mitgebrachten Teigware. Auf die heutige Zeit übertragen wären wir wohl heute alle Pizzas oder Döners, wenn nicht gar Weltburger.

Ich habe schon früh begonnen mich meiner Nationalität zu schämen. Daran waren gar nicht meine Eltern schuld, bei denen Kartoffeln angesagter als Spaghetti waren, sondern ich ganz alleine. Schon als Kind wollte ich nie einen langweiligen Deutschen heiraten, sondern einen Indianer oder Eskimo. Nur waren die selten anzutreffen. Einmal war meine Mutter mit mir in einem Hamburger Kaufhaus bei den chinesischen Wochen. Alles war wie im Märchen. Schwarzlackiert, Rot und Gold mit Drachen und mysteriösen Schriftzeichen. So entschied ich mich für einen Chinesen. Einen der Klavier spielen kann. Denn, wenn einer Klavier spielen kann, ist der Rest schon fast egal. „KRAUT – über den kleinen Rassismus gegen mich selbst“ weiterlesen

SAMENFEST – nicht ärgern, nur wundern

Wie überlebt man in einer Welt, in der zwei Dosenbier weniger kosten als eine Zitrone? Warum kann ich zwei Sweatshirts zum Preis von einem gezapften Bier an der Touristenpromenade kaufen? Warum nur gibt es Fitnessdrinks für Perserkatzen und kalten Kaffee im Tetrapack? „Nicht ärgern, nur wundern“, so hat meine Großmutter Mariechen immer gesagt. Ich wundere mich ausgiebig. Über sowas und über das Wunder auf meinem Balkon, der von zwei riesigen Bohnenpflanzen dominiert wird – gezogen aus zwei winzigen, verschieden bunten Hosentaschen-Mitbringseln aus dem letzten Urlaub. „SAMENFEST – nicht ärgern, nur wundern“ weiterlesen