QUITTENWETTER

Einkochen gegen die Depression

Über’s Wetter reden kann man immer dann, wenn einem sonst gerade nichts mehr einfällt. Mir fällt tatsächlich nicht viel ein in dieser grauen Jahreszeit, außer dass ich es immer noch nicht wirklich schaffe, sie zu vermeiden in dem ich temporär das Land verlasse. Die Jahre, in denen ich mich über die Winterzeit als Koch halbtot gearbeitet habe, hatte ich scheinbar keine Zeit dafür, denn Tageslicht war ohnehin ein unverschämter Luxus. Aber jetzt, wo ich so ein halber Büromensch geworden bin, ist sie wieder da: die Winterdepression.

Dezember

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Flaschen sammeln im Paradies

Pasulj für Branko Vučić

Ich hatte mal eine frisch eingewanderte Bekanntschaft aus Serbien. Branko hatte in vielerlei Hinsicht das, was man bei jungen Männern Balkan-Mentalität nennt, sprich JBG im positiven Sinne – demzufolge auch ein brutal großes Herz. Er sagte: „Ich weiß gar nicht, warum die anderen Leute im Übergangswohnheim so viel auf Deutschland schimpfen, es ist doch das Paradies. In Serbien kannst Du nicht mal Flaschen sammeln!“ Das nenne ich mal eine positive Lebenseinstellung. Wir haben dann nicht über Leergutproblematik und Umweltschutz diskutiert, sondern etwas anderes Schönes gemacht. Serbischen Sprechgesang über Bluetooth gehört, Bier aus Glasflaschen getrunken und über das Kneten von Brotteig philosophiert, worüber er viel mehr wusste als ich. Das hat sehr gutgetan. Geheiratet haben wir nicht.

Schöne Zwiebel

Im letzten Sommerurlaub, in einem Nachbarland mit Meer waren die Bohnen auf dem Markt so schön. So habe ich eine bescheidene Pasulj gekocht und dabei noch mal an Dich gedacht. Acht Portionen zu einem Warenwert von unter einem Euro sind es geworden, stilecht angerichtet in der Apatinsko-Plastikflasche. добар апетит, mein Freund, bleib so, wie Du bist. Sieh das Paradies.

Zweites Leben für Plastikflaschen

Bohnen über Nacht einweichen, Zwiebeln, Knoblauch und Paprikapulver oder Flocken in ordentlich Olivenöl anbraten. Bohnen zugeben und mit Wasser bedecken. Wenn sie fast weich sind, Kartoffelwürfel zugeben. Pasulj schmeckt am nächsten Tag und am übernächsten, mit Petersilie und gebratener Kobasica, mit extra Schwarzkümmel und Chili, mit Paprika und Kapern, mit Feta oder Kaymak, frischen Tomaten oder geröstetem Knoblauchbrot.

Bohnen macht man irgendwie immer zu viel und das ist gut, denn ein zweite paradieshafte Eigenschaft unseres Landes sollte doch die sein, die jahrhundertelang als gestickter Wandbehang unsere Küchen zierte: „Acht sind geladen, zehn sind gekommen, gieß Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen.“

Wurst ist kein Spaß

 

 

Was ist ein schönes Leben?

  “Ich will, dass wir ein schönes Leben haben.“ Das hat Johann gesagt. Zum ersten Mal, als wir 2010 gemeinsam die Firma verließen, um frei zu sein. Das zweite Mal, als wir zusammen die unsere gründeten, die eine schöne, leidenschaftliche Zeit brachte, aber auch sehr viel kostete. Zeit, Geld und unser Liebesleben mit dem Gedanken von für immer. Das dritte Mal sagte er es, als wir den Laden zumachten, um wieder uns selber zu gehören. Wer immer wir damals noch waren.

Aber was ist das – ein schönes Leben? Die Jahre danach waren es gewiss nicht. Allein das Rausfinden, was von einem noch übriggeblieben ist, wenn alles um Dich herum nicht nur zusammenfällt sondern verschwindet. Wie wenn jemand stirbt, der immer da war, die Definition seiner selbst. Für den einen bestimmt sich ein schönes Leben durch Statussymbole, für den anderen sind es Kinder, die Deine Spuren in der Welt hinterlassen. Ein geregeltes Einkommen kann es ausmachen, schöne Kleider, Freunde, die einem zuhören in der Not, treue Sauf-Kumpanen, ein sauberer Ruf, ein freistehendes Reihenendhaus am Meer, gelegentlicher Geschlechtsverkehr oder Erfolg im Beruf. Oder auch die Freiheit, seine Meinung sagen zu dürfen, gesunde Beine oder eine heiße Dusche. „Was ist ein schönes Leben?“ weiterlesen

SOUVENIR AUS ALBANIEN – Blaubeerpfannkuchen wie bei Großmutter

Ich komme zu Hause an und mache meinen Koffer auf. Viel brauchte ich nicht für die vier Tage. Nur einen Anzug, ein paar Messer und meine allerbeste weiße Kochuniform. Die befindet sich nun in einer heterogenen Mischung aus Mehl und eingemachten Blaubeeren. Zwei Riesentüten hausgemachter Geschenke habe ich zum Abschied vom Mullixhiu bekommen, dem Restaurant in Tirana, bei dem ich am Wochenende als kulinarischer Botschafter gekocht habe. Gemeinsam mit Bledar Kola, dem dortigen Küchenchef haben wir im Auftrag der Deutschen Botschaft ein 7-Gänge-Menü mit albanischen und deutschen Zutaten gekocht. Mullixhiu, das heißt Müller.

Blick in die Mühle, hier werden alte Getreidesorten täglich frisch gemahlen und verarbeitet

Aus der hauseigenen Getreidemühle habe ein paar Kilo des frischesten Mehls, das ich je gegessen habe, im Koffer, Gott sei Dank zum Teil noch in Papiertüten, schnell gepackt zwischen Brot, geräuchertem Ricotta, Wein und eingelegten Walnüssen. Im Balkan hat Zeitmanagement eine andere Bedeutung als bei uns – wir hatten es mal wieder eilig vor der Abreise. Trotzdem haben wir alles fantastisch und mit Freude abgeliefert, auf sieben Tellern sind seine und meine Heimat vereint, begleitet von ausgesuchten albanischen Weinen. Pünktlich sogar! Zum Abschluss gab es Heidekorn aus Bremen, aromatisiert mit den Aromen meiner Kindheit: Wacholder und Orangenschalen. So, wie meine Mutter immer noch ihre beste Marmelade abschmeckt. Und so sah unsere albanisch-deutsche Fusion als Menü aus: „SOUVENIR AUS ALBANIEN – Blaubeerpfannkuchen wie bei Großmutter“ weiterlesen

KRAUT – über den kleinen Rassismus gegen mich selbst

Wir Deutschen wurden jahrzehntelang gern nach einer elsässischen Spezialität benannt, so wie die Italiener nach einer von Marco Polo aus China mitgebrachten Teigware. Auf die heutige Zeit übertragen wären wir wohl heute alle Pizzas oder Döners, wenn nicht gar Weltburger.

Ich habe schon früh begonnen mich meiner Nationalität zu schämen. Daran waren gar nicht meine Eltern schuld, bei denen Kartoffeln angesagter als Spaghetti waren, sondern ich ganz alleine. Schon als Kind wollte ich nie einen langweiligen Deutschen heiraten, sondern einen Indianer oder Eskimo. Nur waren die selten anzutreffen. Einmal war meine Mutter mit mir in einem Hamburger Kaufhaus bei den chinesischen Wochen. Alles war wie im Märchen. Schwarzlackiert, Rot und Gold mit Drachen und mysteriösen Schriftzeichen. So entschied ich mich für einen Chinesen. Einen der Klavier spielen kann. Denn, wenn einer Klavier spielen kann, ist der Rest schon fast egal. „KRAUT – über den kleinen Rassismus gegen mich selbst“ weiterlesen

SAMENFEST – nicht ärgern, nur wundern

Wie überlebt man in einer Welt, in der zwei Dosenbier weniger kosten als eine Zitrone? Warum kann ich zwei Sweatshirts zum Preis von einem gezapften Bier an der Touristenpromenade kaufen? Warum nur gibt es Fitnessdrinks für Perserkatzen und kalten Kaffee im Tetrapack? „Nicht ärgern, nur wundern“, so hat meine Großmutter Mariechen immer gesagt. Ich wundere mich ausgiebig. Über sowas und über das Wunder auf meinem Balkon, der von zwei riesigen Bohnenpflanzen dominiert wird – gezogen aus zwei winzigen, verschieden bunten Hosentaschen-Mitbringseln aus dem letzten Urlaub. „SAMENFEST – nicht ärgern, nur wundern“ weiterlesen

WURST IST KEIN SPASS – über Achtsamkeit beim Essen

Der Mann, mit dem ich in einem Bett schlafe, kommt aus einer bergigen Gegend im deutschsprachigen Raum und spricht viel ordentlicheres Deutsch als ich. Seit wir zusammen sind, werde ich wieder mit Sachen fertig. Nicht fäddich, wie zuvor. Und womit ich fertig werde, damit kann ich was anfangen. „WURST IST KEIN SPASS – über Achtsamkeit beim Essen“ weiterlesen

FUNDSACHEN– Knipp-Burger mit Apfelmus von der Straße

Es gibt so Tage, da kann ich meinen Stadtteil nicht mehr sehen. Damit meine ich nicht den Umstand, dass mir regelmäßig in den Hauseingang gepinkelt wird. Sondern eher, dass alles irgendwie zu viel Bedeutung hat. Welche Schuhe man trägt, mit wem man cornert, was man nicht hört mit’m großen Kopfhörer oder nicht isst oder überhaupt macht oder nicht. Kennst Du das? „FUNDSACHEN– Knipp-Burger mit Apfelmus von der Straße“ weiterlesen

HOW TO SURVIVE IN A KITCHENETTE

HOW TO SURVIVE IN A KITCHENETTE – Plastikflaschen nose-to-tail

Spätestens nach meinem ersten Besuch auf dem Rialto-Markt habe ich mir abgewöhnt, in Hotels zu übernachten.  Kennst Du das? Über einen Freshmarket mit den herrlichsten Lebensmitteln zu spazieren, alles, einfach alles haben zu wollen und nichts kaufen zu dürfen, weil dein Zimmer keinen Herd hat? Seitdem versuche ich immer, Privatzimmer mit Kochgelegenheit zu finden.

Was ich immer mitnehme: mein Kochmesser, ein Schneidbrettchen, damit ich mir ersteres erhalten bleibt, ein sauberes Geschirrtuch in neutraler Farbe, weil ich schon tausend extrem geblümte aus aller Welt habe, und einen Sparschäler, der wirklich sparschält. Der hilft auch bei der Einreise in Länder, bei denen gerne mal das Gepäck kontrolliert wird – denn Attentäter schälen nicht spar. Neuerdings nehme ich übrigens auch ganz gerne einen Ingenieur mit, denn der biegt die besten Rührbesen und Fleischerhaken aus einem Drahtkleiderbügel. Aber zurück in die Küche. „HOW TO SURVIVE IN A KITCHENETTE“ weiterlesen

AUSTERN-CARBONARA

Denken Sie groß

APOKALÜBKES AUSTERN-CARBONARA

Ich habe einen sehr praktischen Beruf. Nicht, weil er so familienfreundlich ist, sondern weil einem manchmal Dinge zufliegen. Talente, abgelaufenes Bier, Leichtsinn und Mut oder in diesem Fall Austern und Dolce&Gabbana-Spaghettini.

Kennst Du das Video „Denken Sie groß“ von Deichkind? Es handelt von einem, der Träume hat und fest an sich glaubt. Meine Lieblingsstelle ist die, wo sich „Trinken Sie den Baikalsee auf Ex“ auf „Blattgold auf die Smacks“ reimt. Auch in meinem Gewürzschrank befindet sich ein bisschen – selbstverständlich zugeflogenes – Blattgold. Ich finde es auf Rührei besser als auf Smacks, weil es um Blattgold ja geschmacklich und im Leben selten geht, sondern eher um Eier. Mit der Formulierung, etwas sei gut für die Eier, haben wir in unserer Köche- und Köchinnen-Jugend so einigen Zeitgenossen dazu gebracht etwas zu essen, die er niemals essen wollte. Und mit Eiern macht man Carbonara – klassisch. Oder aber dieses Superpowafood: AUSTERN-CARBONARA. Für Hangover-Momente oder hormonellromantisches mis en place.

 

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