SCHUMMERSTUNDE – so schmeckt Versöhnung

Schon als ich ein kleiner Junge war, waren die verbotenen Dinge die Besten. Zu den schönsten, verbotenen Momenten meiner Kindheit gehörte die sogenannte Schummerstunde mit meiner Mutter. Wir saßen in der Dämmerung im Wohnzimmer mit irischer Musik, schwarzem Tee und Kerzenschein, aßen ein Plätzchen oder ein Stück Stollen und unterhielten uns über alles Mögliche.

Einer von uns, meistens ich, saß in Fensternähe, um den Lichtschein zu sehen, den Vaters Auto warf, wenn es den Weg hochkam. Schnell wurde dann die Musik abgestellt und die Kerzen ausgepustet, denn es war ja noch nicht Weihnachten, sondern nur ein ganz normaler Herbstabend. Auch die Teetasse musste weg, denn Tee ist nichts für Kinder. Und wenn der liebe Gott das Licht ausmacht, dann soll man schlafen gehen – das waren die Ansichten meines Vaters. Auch, was Essen anging, war alles, was er sagte ziemlich logisch. Obst ist Nachtisch, Zimt gibt’s im Advent, gewürzt wird mit Salz und Pfeffer und zu einem richtigen Essen gehören Kartoffeln und keine Nudeln, denn wir sind ja hier nicht in Italien. Nudeln gab es fast nie.

Gesundheitsbewusst war er schon immer, legte viel Wert auf Sport und die tägliche Ration Obst und Gemüse. Gemüse mochte ich. Obst eher nicht. Überhaupt war Süßes – außer natürlich Eis – nicht so mein Ding. Das wussten auch die anderen Kinder im Dorf und so gab es für den kleinen Manus zum Geburtstag keine Schokolade, sondern eine Mettwurst. „SCHUMMERSTUNDE – so schmeckt Versöhnung“ weiterlesen

HERR DEXTER ist in der SCHEISSE – über Saure Gurken

Es gibt ja Kolumnisten, die reden mit ihrem Kühlschrank. Ich gehörte eigentlich nicht dazu. Bis vor ein paar Wochen, als meiner, ich weiß nicht mal seinen Namen, sich entschloss, lieber ein Gletscher sein zu wollen. Systematisch fraß er von hinten nach vorne den Rumtopf, ein Lieblings-Ouzo-Glas, etwas Unbeschriftetes aus grünen Chili und die tausendjährige Johannisbeermarmelade. Ich hasse Marmelade. Soll er haben. Aber irgendwann brauchte ich das Ouzo-Glas und fing an mit all meinen Badehandtüchern, vielen Schüsseln heißen Wassers, Zuspruch und meinem Fön, den ich nur Haartrockner nennen darf, weil er nicht von Braun ist, eine lange Nacht der Enteisung zu veranstalten.

Es wurden drei Nächte, bis alles blitzblank und abgetaut war. Prost! Darauf, dass alles grad beschissen läuft. Wir haben angestoßen – mehrfach. Darauf, dass wir wieder aufstehen, weil wir (das Gras) stärker sind als der Stier. Auf Bertolt Brecht auch und auf den Scheiß-Job, der nun endlich weg ist. Auf Gott und die Welt, Frauen und fast alles.

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KULINARDELIKT – Manus Dexter zu Gast bei APOKALUEBKE

Haben Sie schon mal überlegt, was die Wörter Delikt, delikat und Delikatesse miteinander zu tun haben? Warum sind nicht alle gleich positiv besetzt? Ist der Umstand, dass etwas, das wir delikat nennen, immer irgendwie auch ein bisschen versaut ist, das eigentlich Reizvolle? Und wo bleibt hier der Geschmack?

Ist es beispielsweise geschmackvoll (oder delikat?), dass manche Menschen – und nicht nur Köche – andere, wenn sie sich hingezogen fühlen als Schnitte, Schnecke oder Filet betiteln? Wer ist dann ein Wurstbrot und vor allem: Kann auch ein Bückling sexy sein? Insbesondere, wenn ich ihn selbst genagelt – äh… geangelt habe? Hier ist wohl die Grenze zu pikant.

Bei KULINARDELIKT geht es ums Lebensmittel – und doch ist sie keine Kochkolumne im althergebrachten Sinne mit grammgenauen Rezepten und Vorher-Nachher-Fotos. Es geht um den anarchistischen Umgang mit guten Produkten. Kreativ, behutsam und nachhaltig. Es geht um Handwerk und um altes Wissen, denn oft weist uns der verantwortungsvolle Blick zurück den Weg in die Zukunft. Es geht um Realität und manchmal auch Entbehrung – viele Lieblingsessen sind entstanden, weil etwas fehlte.

KULINARDELIKT ist was zu Lesen für selbstbestimmte Menschen, die im Mund denken, kulinarisch ungehorsam sind und mit ihren ureigenen Assoziationen Neues schaffen.

Ich freue mich, an dieser Stelle, also in Luka Lübkes Küche gegen den Weltuntergang ein paar Wochen Gastkolumnist zu sein, hoffe, dass es Ihnen schmeckt und dass ich nicht allzu sehr kleckere.

Beste Grüße,

Manus Dexter

ABWESENHEITSNOTIZ – über Lebensqualität

„Holen Sie alles aus Ihrem YX-Notebook heraus“, steht in meinem neuen Papier-Notizbuch, dem hässlichsten, das ich jemals besessen habe. Das ist Werbung für eine App, die das Notizbuch PREMIUM macht. An meinen bisherigen (werbefreien) Notizbüchern habe ich immer geschätzt, dass ich etwas hineintun kann. Meine verknüdelten Gedanken zum Beispiel, die sich beim Schreiben entwirren, die gefasst in lediglich 26 Buchstaben klarer wirken. Ist das eine ganz kleine Vorstufe von Digitalisierung?

Ich bin im Urlaub und habe mir selbst versprochen, keine Telefonate und Mails zu beantworten. Ja, es gibt WiFi. Wenn man sich draußen auf die Treppe zum Hinterhof setzt und weit rausbeugt. Das ist ärgerlich, wenn man so will, weil man doch mit Blick in den Sonnenuntergang ganz gerne noch schnell mal nachkucken könnte, was noch mal Bauernmarkt in Landessprache heißt und wie man es richtig ausspricht.

Als ich daheim meine Abwesenheitsnotiz für Emails schrieb, habe ich überlegt, ob ich das Wort Quality-time verwenden soll. Ich habe nachgekuckt und festgestellt, dass es aus Amerika kommt, noch gar nicht so alt ist und man sehr viele Bedingungen erfüllen muss, um seine Zeit so nennen zu dürfen. Da habe ich es gelassen. Gesetze sind für mich erstmal nicht Quality – es sei denn, ich habe sie selbst geschrieben. Zum Beispiel sowas, wie es in anderen Worten in fast allen meinen alten Notizbüchern steht: Mein ganzes Leben soll Quality-time sein. Ich möchte nicht, dass es aus vielen Wochen Scheiß-Zeit und wenigen Tagen guter Zeit besteht. Arbeit soll Scheiße sein, denn das sind ganz schön viele Stunden meines Lebens. Scheiße kann auch privat passieren. Und zwar qualitativ sehr hochwertige Scheiße.

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