IN DIESEN ZEITEN …

Ein Erklärungsversuch von Manus Dexter

Ich habe mich in den letzten Monaten oft dabei ertappt, sehr häufig „in diesen Zeiten“ zu sagen. Obwohl es im Zusammenhang stets gut passte, habe ich mich doch jedes Mal mit meiner Kinderstimme gefragt : „Gibt es überhaupt mehrere Zeiten, Manus Dexter?“ Zum kindgerechten Antworten auf diese sehr gute Frage bin ich bis jetzt noch nicht gekommen, denn immer, wenn ich wollte, waren die Gedanken schon ganz woanders. Jetzt versuche ich es mal.

Es gibt Futur 1 und Futur 2, Präsens, Präteritum und Perfekt. Aber wie sind eigentlich Präsens und Präsenz miteinander verwandt? Bin ich gerade wirklich präsent in meiner Gegenwart? Lohnt es sich derzeit, einen Plan zu machen, um eine von mindestens zwei möglichen Zukünften zu erreichen? Wäre es besser, nur im Konjunktiv zu denken und mich aktuell über meine Fahrradkette zu freuen?

Es gibt Lebenszeit und Schlafenszeit. Die eine gehört in die andere, aber die eine verstehen wir als viele Stunden, die andere als nur einen Moment, nämlich den des Beginns einer zeitlich begrenzten Zeit. Die Eskimos haben viel mehr Wörter für Schnee als wir und Hermann Hesse kann eine ganze Seite lang darüber schreiben, wie Licht in eine Pfütze fällt. Hatten Hesse und die Eskimos zu ihrer Zeit mehr Zeit als wir, um die Dinge so perfekt zu definieren?

Es gibt auch Halbzeit, die gemeinhin die Pause zwischen zwei Spielhälften bezeichnet. Pause verstehe ich als eine Zeit, in der man sich nicht beeilen muss. In der Pause rennt die Zeit nicht weg, wir dürfen innehalten. Innewas denn? Und wie zum Teufel kann etwas, das üblicherweise wegläuft, Wunden heilen?  Brauchen wir mehr Wörter für all das, was wir unter Zeit verstehen? Soll die amerikanische Idee von Qualitätszeit vielleicht ein solcher Ansatz sein? Für mich als Koch klingt Qualität wie etwas, das noch keine braunen Stellen hat. Braune Stellen bekommt etwas, wenn es zu lange rumliegt. Wenn sich niemand darum kümmert, wenn es niemand nutzt. Weil der Kollege beispielsweise mit dem ausführlichen Abwiegen und Dokumentieren von work und life beschäftigt ist. Wenn er nun begönne, auch noch die Zeit selbst abzuwiegen zu versuchen, würde er unerwartet zeitnah sein Gemüse zu Tode kalkuliert haben und stünde mit nichts da.

Ich glaube die Zeit, mein Kind, die ist nur jetzt.

@kulinardelikt

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