HELLO CHEF – PROLOG

Out of MY box –Selbstversuch einer Köchin mit Hello Fresh

Meine erste Ausbilderin, die Modistin-Meisterin Eva Emilia Kaiser, sagte oft vor einem Haufen Altpapier: „Das ist aber ein schöner Karton!“. Da sie sonst eine eher freudlose Zeitgenossin war, wunderte mich das. Mein Großtante Erika, die im Krieg Krankenschwester in Bremen war, hatte in jedem ihrer zahlreichen Hand-Täschchen einen Kugelschreiber, einen Kamm, einen Nagelknipser, eine Sicherheitsnadel und drei millimetergenau zusammengefaltete Plastikbeutel von verschiedener Größe. Auch das hielt ich für einen kriegsbedingen Spleen, genau wie die zwei Umverpackungen Toilettenpapier, in Kleidersäcken verstaut unterm Bett bei den Schnapsflaschen. Getrunken hat sie nie, aber wer weiß. Nachdem sie starb, hatte ich vier Jahre lang feinste englische Lavendelseife, die überall zwischen ihrer wollenen Unterwäsche und dem Tafel-Leinen verborgen war. Heute kann ich beide verstehen. Als weitgehend plastikfrei und zu Fuß einkaufender Mensch ist man schließlich nicht mehr ständig von Tüten und Kartons umgeben. So hüte ich inzwischen ebenfalls „schöne“ Plastikbeutel und Kartons wie etwas Gekauftes, reise nie ohne Vakuumbeutel, sammle Spargelgummis, bis sie brüchig werden und besitze sogar einen Hacken-Porsche.

Als vor drei Wochen das erste „Hello Fresh“- Paket kam, dachte ich: „So ein schöner Karton!“. Auch über die Kühl-Akkus freute ich mich, denn davon kann man nie genug haben. Aus der recyclebaren Kühltasche machte ich Schonbezüge für meine griechischen Kaffeehaus-Stühle. Zwar hatten die Polster schon vier Jahre Restaurant unbeschadet überlebt und fünf Jahre mich, aber trotzdem: Alles verwenden, nichts verschwenden!

Nachdem ich den Karton ausgepackt hatte, schrieb ich „Gelbe Säcke besorgen“ auf meinen Einkaufszettel. Irgendwie schön, das Auspacken der Koch-Box. Wie ein Päckchen mit vielen kleinen Geschenken, wie für die Puppenstube oder für den Kaufmannsladen, die wir hatten, als ich klein war. 10g Butter, 0,5g Muskatnuss, ein Parmesanstück, nicht mal halb so groß wie eine Streichholzschachtel – alles in Miniatur und hübsch verpackt. Nur bei der Knoblauchzehe wird’s nichts, sie ist so groß, wie eine Knoblauchzehe nun mal ist. In der Puppenstube wäre sie so groß wie ein Kürbis – vielleicht spiele ich einfach, dass sie ein Weißbrot ist. So wie ein flacher Stein oder ein Knopf ein Geldstück sein konnte. Ach ja, die Fantasie. Ein Stock konnte ein Gewehr, ein Pferd, ein Zepter oder eine Giftschlange sein. Ganz normal. Ich rede wie eine alte Frau.

Bin ich auch – sonst wäre ich nicht, wie auf einer Butterfahrt den angewandten Sprechkünsten des Telefonverkäufers auf den Leim gegangen. Er hatte mir leidgetan mit seiner ihm un-eigenen Sprache und sexy brandenburgischer Mundart. „Hoffentlich ist er kein Koch-Kollege“, dachte ich, „dessen junge Knie schon zu kaputt zum Spargelstehen sind und der nun im stickigen Corona-Callcenter sitzt und kulinarisch beeinträchtigten Menschen einen Service andrehen muss, den er selbst nicht bräuchte – aber vielleicht sieht er ja jetzt sein Kind öfter bei Tageslicht?“ Ich hörte nicht richtig zu und schloss ein Abonnement ab, ohne es zu merken.

Das Gute: endlich konnte ich es ausprobieren, statt immer nur zu schimpfen über den Verpackungswahnsinn und das Märchen von der Nachhaltigkeit. Denn daran, dass es der „Weltgesundheit“ zuträglich ist, dass Menschen wieder selbst kochen, habe ich nie gezweifelt – im Gegenteil. Aber ob die Koch-Box der Weg ist? Ein Anfang, ein Sprungbrett oder zumindest ein Schild, auf dem steht: „KEINE ANGST VORM KOCHEN“.

Es folgen drei ganz und gar unwissenschaftliche Experimente auf dieser Seite. Bis bald wieder in meiner der Küche gegen den Weltuntergang!

Anmerkung: dies ist keine Werbung, sondern ein selbstkritischer Selbstversuch, in dem ich mich als Köchin mit der Koch-Box konfrontiere – out of MY box. Ich möchte niemandem den Spaß verderben und niemand soll beleidigt sein – es sind nur meine Gedanken. Kommentare willkommen!


Aus dem Logbuch Teil 1  – Enchilada mit Bohnen und rauchiger Tomatensauce

Verpackungseinheiten ohne Umverpackung: 8

Herkunftsländer: Deutschland, Spanien, Niederlande, Brasilien, Mexico, Israel, Ägypten

Nährwert pro Portion à 650g: 1027 kcal

Amadeus hat sich Enchilada ausgesucht, ein Gericht, das ich noch nie gekocht habe. Auch nicht so zubereitet gegessen, dass ich es nachvollziehbar fände, etwas in Teig zu wickeln, um es dann mit Sauce zu übergießen und zu überbacken. Das finde ich prima an diesen Kochboxen: wir probieren etwas Neues aus!

Während Amadeus sich an den exakten Anweisungen auf der Rezeptkarte entlanghangelt, bin ich als Profi doch irritiert, wie viel er rumsteht und auf etwas wartet, während ich die Zusatzstoffliste der Weizentortillas studiere. Der Ofen wird wohl vorgeheizt, die Pfanne aber nicht. Vielleicht gönnen sich auch alle in der Hello Fresh Gemeinde den Besitz eines Induktionsherdes? Wir wissen es nicht. Auch rätselhaft: es entsteht eine Tomatensalsa aus zwei Tomaten, einer Chili und einem Esslöffel Zucker. Top, so wenige Zutaten – aber wenn ich nur drei Sachen dürfte, hätte ich eine Prise Salz genommen. Aber wir machen, was dort steht. Im letzten Arbeitsschritt stellt sich auch heraus, dass man das Zuckerwasser von der Salsa weggießen darf. Amadeus schafft es nicht ganz in der vorgegebenen Zeit – vielleicht habe ich ihn zu sehr abgelenkt? Am Ende sieht Amadeus Version viel schöner aus als auf dem Foto und es schmeckt tatsächlich – von der Süße mal abgesehen – gut – nur eben nicht selbstgekocht. Die Portionen sind opulent, ich schaffe gerade mal die Hälfte. Dann sehe ich den Prospekt noch mal an. Nachhaltig, direkt vom Erzeuger. Im Zusammenhang mit den Herkunftsländern wirft das Fragen auf. Aber immerhin – unsere erste Enchilada – Dankeschön!

Was wir weggeworfen hätten: Eigentlich nichts, außer 240 g Butter, wenn und damit nichts anderes eingefallen wäre. Und das Rauchgewürz. Alles andere hätte man in der angegebenen Menge kaufen können.

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